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Jakobsweg – Eine Pilgerreise weg vom Alltagsstress

In 14 Tagen von Porto nach Santiago pilgern: Dieses Jahr entschied ich mich einen Urlaub der etwas anderen Art zu unternehmen. Der Pilger-Hype in Deutschland wurde spätestens durch den bekannten Film „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling ausgelöst. Warum entschied ich mich für die 240 km lange Pilgerreise von Porto nach Santiago? Was habe ich für Erfahrungen gemacht? Und was habe ich von der Reise mitgenommen?

Warum ich mich entschied den Jakobsweg zu laufen

Dass die Pilgerreise keine wirkliche sportliche Herausforderung für mich werden würde, war mir klar. Für viele andere Pilger auf dem Jakobsweg bedeuteten die 240 km zu Fuß hingegen nicht nur aus sportlicher Sicht ein „Über-sich-hinauswachsen“. Viele Pilger gehen den Jakobsweg, um ihr Leben zu überdenken oder um emotionalen Ballast loszuwerden, um Trennungen zu verdauen oder um sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen.

Ich ging quasi „Ballast-frei“ auf den Jakobsweg. Hatte weder eine Trennung zu verdauen und war nach so vielen Veränderungen im Jahr 2017 nicht auf der Suche nach einer neuen Zukunft.

Mich interessierte, was das „stundenlange“ Wandern mental mit mir anstellen würde. Lerne ich mich durch die Reise besser kennen? Was für Menschen treffe ich und was werde ich nach meiner Reise mit in den Alltag übernehmen?

Von unterschätzen Distanzen und einem „unnötigen“ Pilgerpass
Meine Freundin und ich.

Am Mittwochmorgen starteten meine Freundin und ich in Porto, um uns auf den portugiesischen Pilgerweg zu machen. Beide waren wir hochmotiviert und unglaublich stolz, dass wir unser Gepäck auf 6 kg reduziert hatten. Wir entschlossen uns die ersten 2 Etappen des Jakobswegs an der Küste entlang zu laufen.

Der portugiesische Jakobsweg entlang der Küste

Weit und breit sichteten wir jedoch keinen weiteren Pilger. Hatten wir uns schon am Anfang verlaufen? Oder war im November einfach nichts los auf dem portugiesischen Pilgerweg? Erst nach 4 Stunden sichteten wir den ersten Pilger und wir freuten uns wie kleine Kinder…

Yippi! Da pilgert ja doch noch wer den Jakobsweg nach Santiago. Scheint, als haben wir uns nicht verlaufen!

Da wir beide noch nie Pilgern waren, unterschätzten wir die Distanz der ersten Etappe gewaltig. Als wir bei den Bungalows am Abend ankamen, waren wir fix und fertig. Anstatt Lob für die geschaffte Distanz, wurden wir dort erst mal gescholten, da wir das wichtigste Dokument eines Pilgers, den Pilgerpass nicht besaßen.

Als „Freigeister“ hatten wir uns nämlich entschlossen, dass wir den Hype um den Pilgerpass nicht mitmachen würden und keinen Stempeln hinterherjagen würden.

Auf dem Jakobsweg ist es Sitte, dass man sich bei jeder Unterkunft einen Stempel abholt. Dass der Pilgerpass zusätzlich der Zugang zu Pilgerherbergen war und das Eintrittsticket für vergünstigte Preise war, das bedachten wir in unserer Boykottierung des Pilgerpasses leider nicht. Wir besorgten uns also am nächsten Tag gleich einen Pilgerpass. Nur die typische Pilgermuschel, die beschlossen wir uns trotzdem nicht zu besorgen. Ein bisschen Boykottierung musste sein. Jetzt sollten wir aber wirklich gewappnet sein für den Jakobsweg.

Gastfreundschaft, Freude und internationale Bekanntschaften

Mit Pilgerpass im Gepäck, war nichts mehr von der Müdigkeit vom Vorabend zu spüren und wir machten uns auf die 2. Etappe unserer Pilgerreise. Die 2. Etappe führte uns nach der Hälfte weg von der Küste ins Landesinnere. Am 2. Tag trafen wir unterwegs doch ein paar mehr Pilger als am ersten Tag, mit denen wir teils unseren Weg gemeinsam liefen.

Der Jakobsweg durchs Landesinnere

Auch am 2. Tag kamen wir in der Pilgerherberge an und waren fix und fertig. Ich war es einfach nicht gewohnt, fast 10 Stunden an frischer Luft zu sein, stundenlang zu wandern und einen Pilgerrucksack mit mir rumzuschleppen. In der offiziellen Pilgerherberge wurden wir unglaublich freundlich empfangen. Vor uns waren schon Polen, Italiener, Spanier und Portugiesen in der Herberge eingetroffen. Diese waren schon eifrig am Kochen und luden uns zum leckeren Pasta-Abendessen ein. Trotz meiner „Weizen-Phobie“ schlug ich das Angebot nicht aus. In meinen Vorträgen propagiere ich immer locker zu bleiben beim Essen, besonders wenn es um soziale Events geht. Sonst wird man irgendwann sozial inkompatibel und wird niemals mehr eingeladen.

Der Abend war wie im Film. Wir haben gesungen, gelacht und uns auf vier verschiedenen Sprachen mit Händen und Füßen unterhalten. Sogar der Herbergs-Vater setzte sich zu uns und verkostete uns mit leckerem Portwein.

Allein für diesen Abend hatte sich die Pilgerreise schon gelohnt!

Von WOW-Momenten und flatternden Unterhosen

Recht früh ging es nach dem tollen Abend in der Herberge los. Bei Morgendämmerung liefen wir durch die schönsten Landschaften. Ich konnte mich kaum satt sehen an dieser Schönheit der Natur. Ich war einfach nur glücklich diese Erfahrungen machen zu dürfen. Der Rucksack fühlte sich mittlerweile nicht mehr schwer an und an das viele Laufen gewöhnte ich mich langsam.

Beim Anblick unserer Rücksäcke musste ich schmunzeln. Mittlerweile hatten wir eine „Methodik“ entwickelt, so dass unsere Wäsche schneller trocknete. Wir befestigten alle nassen Kleider, die wir am Vortag in der Dusche mitgewaschen hatten, außen am Rucksack. Die flatternden Unterhöschen sahen wirklich toll aus…

Die Freude vom Wäscheservice

In den Folgetagen erlebten wir die unterschiedlichsten Herbergen und lernten spannende Menschen kennen. Wir genossen das leckerste Essen in Portugal und Spanien und fühlten uns einfach Wohl im befreiten Leben eines Pilgers. Nach 8 Tagen kontinuierlichem Wandern hatte ich das Gefühl, meine Kleider stehen mittlerweile vor Dreck. Zwar nahmen wir die Kleider täglich mit unter die Dusche, aber so richtig sauber wurden sie doch nicht mehr.

Das Universum hatte Mitleid mit uns, denn am Abend kamen wir an eine Herberge mit kostenlosem Wäscheservice an. Taktisch überlegte ich mir, wie ich es schaffen würde, möglichst alle meine Kleider waschen zu lassen. Ich zog nur meine Regenhose und meine Outdoorjacke an ohne etwas drunter zu ziehen, setzte mich in die Sonne und ich freute mich auf meine frisch gewaschene Wäsche als ob Weihnachten und Ostern an einem Tag wären.

Pilgermesse in Santiago als Highlight

Nach knapp 11 Tagen kamen wir in Santiago an. Wir waren etwas schneller als geplant. Das lag zum einen an unserem strammen Marsch, aber auch an einer sehr langen Etappe von über 37 km. Um diese kamen wir nicht rum, da einige private Herbergen unterwegs geschlossen hatten, da die Pilger-Hauptsaison nur bis Oktober dauert.

Der Einmarsch in Santiago war unspektakulär und langweilig. Ich würde sogar sagen, dass es die hässlichste Etappe des portugiesischen Jakobswegs war. Doch auf dem Marktplatz vor der Kirche, wo alle Pilger eintreffen, verspürte ich eine ganz besondere Energie. Ich legte mich auf den Boden, genoss die letzten Sonnenstrahlen und lies die Reise Revue passieren. Das war ein tolles Gefühl. Einfach nur daliegen. Dem Körper für seine Arbeit danken und das Kribbeln spüren.

Das letzte Highlight auf meiner Pilgerreise fand am Abend statt: Die Pilgermesse in Santiago. Ich bin normal kein Kirchgänger. Aber die Stimmung und das Ambiente in der Kirche waren einfach toll. Die Worte des Pfarrers und der Gesang einer Nonne berührten mich tief und füllten mich mit einer großen Dankbarkeit für die Reise, Dankbarkeit für meine tolle Freundin und Dankbarkeit für alles was ich habe.

Mein Fazit:

Sich auf den Jakobsweg zu machen ist ein unglaubliches Gefühl. Sich auf das wesentliche zu reduzieren und sich an den kleinen Dingen zu erfreuen, fühlt sich super an. Ich durfte sowohl Portugal als auch Spanien auf eine ganz andere Art kennen lernen. So intensiv in so kurzer Zeit habe ich noch nie ein anderes Land erfahren. Täglich wechselt man seine Ortschaft. Täglich sieht man neue Dinge und täglich lernt man neue Leute kennen. Zwei Wochen Pilgern machen den Kopf frei fast wie meine 5-tägigen Energie-Retreats, nach denen man sich wie drei Wochen Urlaub fühlt…

Es wird bestimmt nicht mein letzter Pilger-Urlaub sein.

PS: Es folgt ein weiterer Blog über die vielen Erkenntnisse, die ich vom Jakobsweg mit in den Alltag nehmen werde und genommen habe.

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